Solidarität mit dem chinesischen Lieferarbeiter-Aktivist Mengzhu (Kundgebung 17.04.2021)

Initiative:  Free Chen Guojiang 关注盟主

Twitter: @FGuojiang

+++English below+++

Wir möchten Eure Aufmerksamkeit auf das anhaltende Vorgehen der chinesischen Behörden gegen kollektive Aktionen und Organisierungsbemühungen der Arbeiter*innen lenken. Die Behörden haben in den letzten Jahren viele Arbeiteraktivist*innen und Mitarbeiter*innen von Nichtregierungsorganisationen inhaftiert. 
In jüngster Zeit richtet sich die Unterdrückung gegen einen prominenten Arbeiterorganisator, der Essenslieferant, Mengzhu, der außergewöhnliche Anstrengungen unternommen hat, um Arbeiter*innen des Liefer- und Leiharbeitssektors zu organisieren und die Öffentlichkeit auf die harten Arbeitsbedingungen in Chinas aufstrebender Plattformwirtschaft aufmerksam zu machen.  Die Essenslieferplattformen setzen 6 Millionen Arbeiter*innen in China ein, und diese Arbeiter*innen erfüllten im letzten Jahr etwa 60 Milliarden Bestellungen in ganz China. 
Mengzhu wurde am 25. Februar von der Pekinger Polizei verhaftet und wird wegen des Verbrechens „Picking quarrels und provoking trouble“, zu deutsch „Streit schüren und Ärger provozieren“ angeklagt; ihm droht eine Strafe von bis zu fünf Jahren Gefängnis. Seine Verhaftung hat in China große öffentliche Aufmerksamkeit erregt, da er in den letzten 2 Jahren durch seine Stimme gegen die ausbeuterischen Praktiken der Plattformunternehmen in den sozialen Netzwerken bekannt geworden ist.  Doch die Online-Diskussion über seinen Fall wurde im März von der Polizei zensiert und geschlossen. Die Polizei verhörte mehrere Social-Media-Nutzer*innen, die Beiträge über Mengzhus Situation in WeChat-Gruppen weitergeleitet hatten. Einige Anwälte und Studierende, die sich für Chens Familie eingesetzt hatten, wurden ebenfalls von der nationalen Sicherheitsbehörde untersucht und schikaniert. 
Mengzhus richtiger Name ist Chen Guojiang. In der zweiten Hälfte des Jahres 2018 begann er, für Eleme, einen von Alibaba kontrollierten Essenslieferdienst, Essen auszuliefern und wurde zu einem Crowdsourced-Lieferarbeiter.  In diesem Kontext bezeichnet Crowdsourcing die Auslagerung vormalig interner Teilaufgaben an Außenstehende. Nachdem Chen Guojiang miterlebt hatte, wie Leute aus der dafür vorgesehenen Chat-Gruppe rausgeschmissen wurden, weil sie die Praktiken der Essenslieferplattform in Frage stellten, beschloss er, seine eigene Wechat-Gruppe von Lieferfahrer*innen zu gründen. Im Jahr 2019 gründete Chen Guojiang zusammen mit seinen Fahrerfreunden*innen eine gegenseitige Hilfsorganisation für Fahrer*innen in Peking, die „Delivery Riders‘ Alliance“, und begann, anderen Lieferant*innen aktiv zu helfen. Zum Beispiel betrieb er eine kostenlose Unterkunft für andere Zusteller*innen, die neu in der Stadt waren. Er begann, als Mengzhu bekannt zu werden – Mengzhu bedeutet Anführer eines Bündnisses oder Gruppe – er war der Anführer der „Delivery Riders‘ Alliance“.  
Im März 2020 begann Mengzhu, kurze Videos über die Arbeitserfahrungen der Lieferfahrer*innen auf den wichtigsten chinesischen sozialen Netzwerken und Video-Sharing-Plattformen WeChat, Weibo, Bilibili und Tiktok zu veröffentlichen.  Seine Videos haben zehntausende Follower angezogen, und einige seiner Clips wurden mehrere Millionen Mal angesehen.  Bis zu seiner Verhaftung im Februar 2021 gab es 16 WeChat-Gruppen von Zusteller*innen, die von Mengzhu geleitet wurden und, die mehr als 14.000 Zusteller*innen in Peking erreichten. Die Gruppen haben auch Verbindungen zu anderen selbstorganisierten Gruppen in anderen Städten. 
Diese Organisation ist außergewöhnlich, angesichts der besonderen Situation der Leiharbeiter*innen. Die Organisation von Lieferant*innen ist schwierig, besonders bei der Zustellung von Lebensmitteln. Sie sind oft freiberufliche Auftragnehmende oder arbeiten für Drittanbieter, die dann gegeneinander bieten, um Aufträge von größeren E-Commerce-Plattformen zu erfüllen. 
Jetzt ist diese hart erarbeitete Organisation und der Einfluss fast zerstört. Mengzhus Social-Media-Konten wurden seit seiner Verhaftung im Februar gelöscht, mehr als 300 von ihm erstellte und veröffentlichte Videos still gelegt. Einige Lieferant*innen waren gezwungen, die Gruppen zu verlassen, viele haben aus Angst gekündigt. 
Die Botschaft dieser Razzien ist klar: Ein Arbeiter, der ein kollektives Verständnis unter den Arbeiter*innen schafft, dass sie vor gemeinsamen Herausforderungen stehen, ein Aktivist, der sich für die Notwendigkeit der Solidarität und der Organisation von Arbeiter*innen zum Kampf gegen Ausbeutung ausspricht, ist eine Bedrohung für die chinesischen Autoritäten.  Der Staat setzt auf den Konsum und die Dienstleistungsindustrie, um das Wirtschaftswachstum anzukurbeln, und verbündet sich mit großen Unternehmen, um gewerkschaftliche Organisierungsaktivitäten zu unterbinden. 
Nichtsdestotrotz können wir auch eine Botschaft aus den Erfahrungen der Lieferant*innen in China und Mengzhus Fall mitnehmen: Die Zeitarbeit sieht weltweit sehr ähnlich aus, mit Arbeiter*innen ohne grundlegenden Beschäftigungsschutz, wenig Organisierungsmöglichkeiten, unwürdigen Arbeitsbedingungen und Bezahlung. So beschrieb Mengzhu die Arbeitsbedingungen wie folgt: “ …… wir sind alle in den Machenschaften der (Liefer-)Plattformen gefangen.  Alle Regeln werden von diesen Plattformen aufgestellt und die Zusteller*innen haben keinerlei Kontrolle. Weil aus der Perspektive der Plattformen, wenn eine Person kündigt, kommen unzählige neue Arbeiter*innen nach“ Das ist die Situation, mit der viele Leiharbeiter*innen im Westen ebenfalls konfrontiert sind. 
Während der Coronavirus-Pandemie in China wurden Lieferant*innen zu einer Art Rettungsanker für Millionen von Menschen, die zu Hause festsaßen. Sie versorgten diese mit Lebensmitteln und Medikamenten. Auch in Deutschland wurden Kuriere und Logistikmitarbeiter*innen während der Pandemie zu unverzichtbaren Arbeitskräften, die wichtige, aber auch gefährliche Aufgaben übernahmen. Ihr Beitrag bringt ihnen jedoch keinen gleichwertigen Status oder Einkommen, egal ob sie in China oder in Deutschland sind.  
Vor diesem Hintergrund rufen wir zur transnationalen Solidarität unter den Lieferant*innen und anderen Zeitarbeiter*innen auf, um sich gegenseitig im Kampf gegen Kapitalausbeutung und staatliche Repression zu unterstützen. Für Mengzhus Fall in China ist internationale Unterstützung besonders notwendig, da die Menschen, die Mengzhu nach seiner Verhaftung innerhalb Chinas zu unterstützen versuchen, einer Vielzahl von staatlichen Einschüchterungen ausgesetzt sind.  Sie hoffen und begrüßen alle Formen von Solidaritätsaktionen von Arbeiteraktivist*innen und Organisationen, um den Kampf und die Organisierungsbemühungen der chinesischen Arbeiter*innen zu unterstützen. 

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We want to draw your attention to the persistent crackdowns on worker’s collective actions and organizing effort by the Chinese authority. The authority has detained many labor activists and labor NGO staff in the last years. 
More recently, the suppression is targeted towards a prominent worker organizer of the food delivery riders, Mengzhu, who have made an extraordinary effort to organize the gig workers and raise the public awareness on the harsh working conditions in China’s rising platform economy.  The food delivery platforms deployed 6 million workers in China, and these workers fulfilled some 60 billion orders across China last year. 
Mengzhu was detained by the Beijing police in Feb. 25, and is charged with the crime ”picking quarrels and causing troubles”  and facing a sentence of up to five years in prison. His detention ignite a wide public attention in China, because he has become famous due to his voice up for the exploitative practice of the platform companies on social network since last 2 years.  But online discussion of his case in March was censored and shut down by the police, who questioned several social media users who had forwarded posts on Mengzhu’s situation in WeChat groups. Some lawyers and students involved in helping Chen’s family were also investigated and harassed by the national security force.  
Mengzhu’s real name is Chen Guojiang. In the second half of 2018, he started to deliver food for Eleme, a food delivery firm controlled by Alibaba, and became a crowdsourced delivery worker.  After witnessing people being kicked out of the instant chatting group for questioning the food delivery platform’s practices, he decided to establish his own Wechat group of delivery riders. In 2019,  Cheng Guojiang, together with his rider friends, established a mutual aid organization for riders in Beijing, the „Delivery Riders’ Alliance“, and began to actively help other delivery workers. For example, he ran a free shelter for other delivery workers who were new to the city.He started to be known as Mengzhu– the leader of the delivery riders’ alliance.  
In March 2020,  Mengzhu started posting short videos related to delivery riders’ working experience on major Chinese social network and video sharing platforms, like WeChat, Weibo, Bilibili, and Tiktok.  He’s videos have drawn tens of thousands followers, and some of his clips have been viewed for several million times.  Until he was detained in Feb. 2021, the number of the WeChat groups of delivery workers managed by Mengzhu was 16, reaching more than 14,000 delivery riders in Beijing. The groups also have connections with other self-organized groups of delivery workers in other cities. 
This organization is extraordinary given the particular situation of gig workers. Organizing delivery workers is difficult, particularly in food delivery. They are often freelance contractors or work for third-party services, which then bid against one another to fulfill orders from bigger e-commerce platforms. 
Now, this hard-achieved organization and influence is almost destroyed. Mengzhu’s social media accounts have been deleted since his arrest in February, with more than 300 videos he created and published vacuumed. Some delivery workers are forced to quit the groups, many have quitted out of fear. 
The message of these crackdowns is clear:  A worker who is creating a collective understanding among workers that they faced common challenges,  an activist who claims and addresses the need of solidarity and organization of workers to fight against exploitation, is a threat to the Chinese authority.  The state is betting on consumerism and the service industry to buoy economic growth and allies with large companies to shut down labor organizing activities. 
But we can also learn a message from the experience of delivery riders in China, and Mengzhu’s case that, the gig work looks very alike globally, with workers having no basic employment protection, less organizing capability, degrading working conditions and payment. For instance, Mengzhu described the working condition of the delivery workers like this: “ ……we’re all trapped in the (delivery) platforms’ tricks.  All the rules are set by them and the delivery workers have no control at all. From the perspective of the platforms, if one person quits, countless others will come in“ This is the situation confronted by many gig workers in the West. 
For another instance, during widespread lockdowns imposed during China’s coronavirus epidemic, delivery workers became a lifeline, shuttling anything from food to medicine to millions of people trapped at home. Similarly, in Germany, couriers and logistic workers also became essential workers in the pandemic, carrying crucial yet also dangerous work responsibilities. Their contribution however does not bring them an equally valuable status or income, regardless they are in China or in Germany.  
With this understanding, we call for transnational solidarity among the delivery riders, and other gig workers, to support each other on struggle against capital exploitation and state repression. For Mengzhu’ s case in China, international support is specifically needed, when people trying support Mengzhu after his arrest inside China have faced a wide range of state intimidation.  They hope and welcome all forms of solidarity actions from labor activists and organizations, to support Chinese workers’ struggle and organizing effort.