Zum Jahrestag der Niederschlagung der Proteste auf dem Tian‘anmen-Platz am 4. Juni 1989 in Peking

Übersetzungsprojekt

Protestiere auf dem Tian’anmen-Platz vor dem Eingang zum Kaiserpalast, Mai 1989. Foto: Helmut Opletal

左回声 Left Echo hat anlässlich des 32. Jahrestags der Niederschlagung der Proteste in Peking einen Artikel übersetzt, der ursprünglich in der taiwanischen Independent-Onlinezeitung The Reporter (報導者) erschienen ist (https://www.twreporter.org/a/tiananmen-june-fourth-incident-30-soldier-and-protest-student-reconciliation-english). Er wurde ursprünglich im Jahr 2019 publiziert und ist das Ergebnis eines Interviews mit zwei Augenzeugen der Proteste auf dem Tian‘anmen-Platz und ihrer Niederschlagung. Der Originaltitel lautet auf Englisch: „On June 4 1989, They Were On Opposing Sides. Now, They Meet And Shake Hands“. Nachfolgend könnt ihr unsere Übersetzung lesen. Der Artikel, der den Fokus auf die Brutalität des militärischen Eingreifens legt, wird ergänzt und kontrastiert durch die Fotografien von Helmut Opletal, einem ehemaligen Korrespondenten des Österreichischen Rundfunks in China. Er war im Mai 1989 während der Besetzung des Platzes durch die Protestierenden und vor der blutigen Räumung durch das Militär vor Ort und hielt die Proteste in seinen Fotos fest.

Text: 石武綏

Übersetzung: Left Echo

Während der Tian’anmen-Proteste standen sie auf verschiedenen Seiten. Einer war Soldat der Volksbefreiungsarmee, der andere ein Demokratieaktivist.

30 Jahre später trafen sie ein Taipeh aufeinander.

Li Xiaoming und Fang Zheng in Taipeh, 2019. Foto: Jameson Wu/吳逸驊

Mai 1989: Li Xiaoming (李曉明) war ein rangniedriger Offizier der Volksbefreiungsarmee (VBA), als das Kriegsrecht in Peking ausgerufen wurde. Fang Zheng (方政) stand kurz vor seinem Hochschulabschluss.

Am Morgen des 4. Juni wurden Fangs Beine durch einen Panzer zerquetscht, während die Einheit von Li ihren Vormarsch hinauszögerte, nachdem sie den Befehl erhalten hatte, nach Peking einzurücken. Einen Tag später, als Lis Einheit verspätet auf dem Tian’anmen-Platz ankam, wurden die Beine von Fang in einem acht Kilometer entfernten Krankenhaus amputiert. Die beiden haben sich während der Niederschlagung der Proteste nicht getroffen.

2019 trafen sie bei einer Veranstaltung der New School of Democracy in Taipeh aufeinander. Li sagte, als er vor 30 Jahren den Tian‘anmen Platz betrat, sah er eine von Schüssen völlig durchlöcherte Hose. Er war so entsetzt, dass er schluchzen musste und nicht weitersprechen konnte. Fang, in seinem Rollstuhl sitzend, hört der Erzählung von Li aufmerksam zu.

„Das ist das erste mal, dass ich eine solche Geschichte höre“, sagte Fang. „Es ist seltsam, das zu sagen, aber ich war mental nicht darauf vorbereitet, so etwas zu hören.“

Am Ende des Gespräches, als das Publikum applaudierte, hielten beide einander die Hand hin und ergriffen sie fest.

Wenn man einem dieser Männer die Hand schüttelt, erkennt man deren Charakterstärke. Li Xiaoming wurde 1964 geboren. Fang Zheng wurde 1966 geboren.

Drei Tage nach diesem Gespräch trafen Li und Fang The Reporter zum Interview dem ersten Interview zwischen einem ehemaligen Soldaten der VBA, der verantwortlich für das Umsetzen des Kriegsrechts war, und einem Opfer des Massakers auf den Tian’anmen-Platz. Es ist keine Aussöhnung zwischen den Vollstreckern der Machthaber und dem Volk. Aber es ist eine Gelegenheit für zwei Aktivisten, welche die Antwort der Regierung auf die Tian’anmen-Proteste ablehnten, sich zusammenzutun.

Fahrraddemo im Kontext der Besetzung des Tian’anmen-Platzes durch Protestierende, Mai 1989. Foto: Helmut Opletal

Am Nachmittag des 3. Juni 1989 schaute der junge Li Xiaoming in den düsteren Himmel über dem Sanjianfang Militärflugplatz im Kreis Tong (heute Bezirk Tongzhou, ein Vorort von Peking). Er war Mitglied der zweiten Kompanie der ersten Panzerdivision der 116. Division.

Zwei Wochen zuvor hatte Premierminister Li Peng (李鵬) das Kriegsrecht verhängt. Lis Einheit, die in der Provinz Liaoning in relativer Nähe zu Peking stationiert war, erhielt den Befehl, mobil zu machen. Er kam zwei Tage später im Kreis Tong an und wurde in einem Militärzelt untergebracht.

Es gab Tag und Nacht Einlasskontrollen auf dem Flugplatz Sanjianfang, und den Soldaten war es nicht erlaubt, das Lager zu verlassen. Allerdings hatte jemand ein Radio hineingebracht, und so erfuhren sie alles über die Studierendenproteste.

Li Xiaoming hatte einen Abschluss von der Militärakademie und war verantwortlich für die Radarstation. Er wusste nicht, wie er den Studierenden entgegentreten sollte. Als Soldat hatte er Anweisungen zu befolgen, aber als Hochschulabgänger identifizierte er sich mit den jungen Demonstrierenden.

Li war verwirrt, allerdings realisierte er die historische Bedeutung dieser Ereignisse und er schrieb täglich seine Gedanken auf. Damals sagte sein befehlshabender Offizier: „Wir sind die Armee des Volkes, und wir werden niemals auf unser eigenes Volk schießen. Wer auch immer den ersten Schuss abgibt, wird die Verantwortung dafür vor der Geschichte tragen.“

Als die Befehle schließlich kamen, waren sie verblüfft von dem, was gefordert wurde. Die Soldaten sollten „das Kriegsrecht um jeden Preis ausüben“, und sollten am Morgen des 4. Juni auf den Tian’anmen-Platz vorrücken.

Als die 116. Division unterwegs Richtung Peking war, überkam die Soldaten ein bedrückendes Schweigen. Als sie sich dem Stadtrand näherten, versuchten die Bewohner*innen alles, um sie am Vorrücken auf die Innenstadt zu hindern. Die 116. Division hatte keine Wahl und musste umdrehen und einen anderen Weg finden. Li Xiaoming sagte, die Division hätte, wenn sie gewollt hätte, durchbrechen können, aber entschied sich zurückzuweichen. Die Anwohner*innen applaudierten den Soldaten als sie sahen, dass diese umkehrten.

Allerdings eskalierte die Krise weiterhin. Ihre Fahrzeugkolonne befand sich nun in einem abgelegenen Teil der Stadt, und sie wurden angewiesen, Munition aus dem Munitionswagen zu holen und ihre Waffen zu laden.

Sie trugen bereits Waffen, seit sie ihre Basis verlassen hatten. Die Offiziere trugen Pistolen des Typs 54 bei sich, und die Soldaten AK 47. Nun öffneten sie die Tür des Munitionswagens und nahmen eine Munitionsbox nach der anderen heraus. Ein AK-47 Magazin enthielt 36 Kugeln, und Soldaten brauchten sich dafür nicht zu registrieren, sondern konnten sie nach belieben nehmen.

Zeitgleich wurde eine kleine Gruppe Schaulustiger auf die Soldat*innen aufmerksam. Li Xiaoming fühlte sich schlecht, er war nicht darauf vorbereitet sich dieser Krisensituation zu stellen.

An diesem Abend haderten die Angehörigen der 116. Divison damit, was sie tun sollten. Der Kommandant der Division, Xu Feng (許峰) wies einige Stabsoffiziere an, Zivilkleidung anzuziehen und ihn auf einen Aufklärungsgang in die Gegend um den Tian‘anmen Platz zu begleiten. Gleichzeitig erreichten sie nun Nachrichten, andere Truppendivisionen hätten das Feuer auf Zivilist*innen eröffnet hatten. Li erinnert sich, dass Xu bei seiner Rückkehr ein düsteres Gesicht machte. Er sagte seinen Truppen, dass sie nicht in der Lage gewesen wären, Befehle von ihren Vorgesetzten zu erhalten, und dass sie auch keine Anweisungen über ihren Kommunikationswagen empfangen hätten.

Um Mitternacht wurde Li durch das Geräusch eines heulenden Motors geweckt. Die Straße, welche zuvor durch einen quergestellten Bus blockiert worden war, war jetzt frei, und ein gepanzertes Fahrzeug fuhr mit voller Geschwindigkeit an ihnen vorbei in Richtung Stadtzentrum. Die Soldat*innen in ihm schossen in die Luft, um die Menschen einzuschüchtern.

Die 116. Division unternahm nichts, konnte aber das schreckliche Gerücht bestätigen, dass die „Armee des Volkes“ nun auf das eigene Volk schoss.

Arbeiter unterstützen die Proteste, Mai 1989. Foto: Helmut Opletal

Am Abend des 3. Juni stand Fang Zheng, damals noch Student am Institut für Sport in Peking, in der Mitte des Tian‘anmen Platzes.

Mitte Mai, genau als Li Xiaoming’s Einheit in den Außenbezirken Pekings ankam, ging Fang Zheng auf den Tian‘anmen Platz, um sich solidarisch mit seinen Kommiliton*innen zu zeigen. Sie saßen zusammen, traten in Hungerstreik und hielten Reden. Bis zu diesem Zeitpunkt übte die Regierung starke Zurückhaltung gegenüber den Studierenden.

Aber am Morgen des 3. Juni versuchten Soldaten den Platz zu betreten. Studierende und Anwohner*innen versuchten, sie daran zu hindern. Aneinander gedrückt stehend, konnten sie nur Lieder singen, um diesen Kampf zu gewinnen. Als sich die Soldaten zur Großen Halle des Volkes zurückzogen, ernteten sie Applaus von den Studierenden und sangen „Lang lebe die Volksbefreiungsarmee“, als sie davon marschierten.

Niemand hätte gedacht, dass an diesem Abend der Befehl zur Räumung des Platzes gegeben werden würde.

Vierzehn Heeres- und Luftwaffengruppen und neunzehn Unterstützungsgruppen mit insgesamt über 200.000 Soldaten wurden von den Garnisonskommandos Peking und Tianjin mobilisiert. Ihr Befehl lautete, von allen Seiten her auf den Platz des Himmlischen Friedens vorzurücken, und sie erhielten die Erlaubnis, das Feuer auf Zivilist*innen zu eröffnen – sie sollten um keinen Preis zögern.

Schüsse ertönten in der Umgebung des Tian‘anmen Platzes, Bewohner*innen aus den Vierteln Muxidi und Xidan im Westen, dem Qianmen-Viertel im Süden und der Nanchizi-Straße im Osten wurden niedergeschossen.

In einer Zeit ohne digitale Kommunikation waren die Studierenden auf dem Platz des Himmlischen Friedens weitgehend ahnungslos, was um sie herum geschah. Fang Zheng und andere waren um 22 Uhr immer noch dort und erhielten die Nachricht, dass die VBA bald den Platz erreichen würde. Einige hatten blutige Kleidung auf den Platz gebracht und zeigten sie allen. Die Atmosphäre war schlagartig sehr angespannt.

Um 23 Uhr raste ein einzelnes gepanzertes Fahrzeug auf den Platz. Protestierende bewarfen es mit Molotowcocktails, weshalb es in wildem Zickzack fuhr und alles umfuhr, was sich in seinem Weg befand.

Der Schriftsteller und Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo (劉曉波) war ein Augenzeuge der Ereignisse in dieser Nacht. In dem Dokumentarfilm „Das Tor des himmlischen Friedens“ sagte er folgendes über die Szene:

„Plötzlich begannen die Lautsprecher auf dem Platz des Himmlischen Friedens, eine dringende Mitteilung an die Streitkräfte durchzugeben. Darin hieß es, der Staat habe die Entscheidung getroffen, die „konterrevolutionären Kräfte“ zu unterdrücken, und die Soldaten sollten um keinen Preis zögern. In nur einer halben Stunde verließen mehr als hunderttausend Menschen den Platz. Die Einzigen, die übrig blieben, standen neben dem Denkmal der Volkshelden. Wir waren völlig verängstigt. „

Um 2.30 Uhr morgens hatte die VBA die Student*innen in der Mitte des Platzes umzingelt. Fang Zheng war einer von ihnen. Er erinnert sich, dass immer noch drei- bis viertausend Studierende übrig waren. Einige waren von Pekinger Universitäten, andere waren von außerhalb der Hauptstadtregion. Zu Fang gesellten sich 20 seiner Klassenkamerad*innen vom Pekinger Institut für Sport. Einige von ihnen saßen am Denkmal der Volkshelden, andere saßen um die Göttin der Demokratie herum – eine Statue, die von den Protestierenden errichtet worden war.

Liu Xiaobo, sowie der taiwanische Sänger und Aktivist Hou Dejian (侯德健), versuchten gegen 3.30 Uhr, die Studierenden zum Rückzug zu bewegen. Hou stieg in ein Auto, suchte nach einem Offizier und bat ihn, mit den Studierenden zu verhandeln. Ein politischer Kommissar meldete die Situation an seine Vorgesetzten und bat Hou, die Studierenden zu überzeugen, den Platz zu verlassen.

Am Ende einigten sich diese darauf, den Platz zu verlassen, wobei einer über ein Mikrofon die sofortige Räumung des Platzes ankündigte. Als sie den Platz verließen, sangen sie mit Tränen in den Augen die Internationale.

Die Studierende flohen in alle Richtungen. Fang Zheng war kein Anführer der Proteste und folgte einfach allen anderen vom Platz. Eine jüngere Kommilitonin von ihm war auch vor Ort, und er sagte ihr, sie solle mit ihm kommen.

Sie verließen den Platz des Himmlischen Friedens an seiner Südseite, mussten aber bald nach Norden laufen. Gegen 6 Uhr morgens waren sie gerade erst einen Kilometer vom Platz entfernt und befanden sich direkt vor den Toren des Zhongnanhai – dem Sitz der politischen Macht in China.

Während Fang Zheng auf der Fahrbahn entlang ging, hörte er eine Explosion hinter sich und roch den Rauch. Einige sagten, die Truppen hätten Tränengas abgefeuert, aber Fang ist überzeugt, dass es sich um eine Art Giftgasgranate handelte. Eine davon explodierte neben ihm und setzte gelben und grünen Rauch frei. Er konnte nichts mehr sehen, was mehr als zwei oder drei Meter entfernt war, ihm wurde schwindlig und er rang nach Atem.

Fang versuchte, sich und seine Klassenkameradin auf dem Bürgersteig in Sicherheit zu bringen. Er versuchte, sie über die ein Meter hohe Leitplanke zu schieben, die die Straße vom Fußgängerweg trennte. Doch während er dies tat, tauchte ein Panzer im Rauch auf. Fang drehte seinen Kopf, konnte den Panzer aber immer noch nicht in voller Größe sehen, er konnte nur sehen, dass er genau vor ihm war.

Als er seine Klassenkameradin auf den Gehweg schob, rutschte Fang auf die Straße, mit dem Oberkörper noch an die Leitplanke gelehnt. Der Panzer zerquetschte seine Beine und schleifte ihn mit. Sein ganzer Körper wurde von den Raupenketten des Panzers durchgerüttelt und fiel dann mit einem dumpfen Aufprall vom Heck des Fahrzeugs.

„Das Ganze passierte in weniger als 15 Sekunden, vom Aufprall der Giftgasgranaten auf dem Boden bis zu dem Punkt, als ich das Bewusstsein verlor, durch den Schmerz, von einem Panzer überrollt zu werden“, beschreibt Fang die Situation.

Zehn Jahre später zeigte jemand Fang ein Foto, das am 4. Juni 1989 aufgenommen wurde. Auf dem Foto lehnt eine Person an einem Eisengeländer, die Hose ist zerrissen, die Beine blutig und gebrochen. Umstehende verdecken das Gesicht, aber Fang konnte an der Kleidung erkennen, dass es sich bei der Person auf dem Foto um ihn handelt.

Einige Menschen, die die Szene beobachteten, schrieben die Nummer des Panzers auf, welcher Fang Zhengs Beine zerquetscht hatte – ‚106‘. Der Wissenschaftler Wu Renhua (吳仁華) sagt, dass die fragliche Einheit der Tianjin Garnision angehörte, und unter dem Kommando von Luo Gang (羅剛) stand. Seine Einheit war verantwortlich für 11 nachgewiesene Tode, noch mehr schwere Verletzungen, und vermutlich für eine deutlich höhere Zahl nicht nacweisbarer Tode.

Währenddessen fuhr die Einheit von Li Xiaoming den ganzen Tag in Kreisen durch die Vorstädte. Als sie am Abend neben einem Reisfeld anhielten, war keiner in der Stimmung zu reden, und kaum einer schlief. Am 5. Juni um 6 Uhr morgens kam aber ein Einsatzleiter von der 38. Armee in einem gepanzerten Fahrzeug zu ihnen und begleitete die 116. Division zum Tian‘anmen-Platz.

Nachdem die Protestierenden niedergeschossen worden waren waren so gut wie keine Menschen auf den Straßen Pekings, und die Einheit kam ohne Hindernisse vorwärts. Aber als sie eine Überführung passierten, hörten sie Rufe wie „Faschisten“ oder „Schlächter“, und ein Hagel aus Steinen kam von den umliegenden Gebäuden auf sie herab. Ein Soldat aus seiner Einheit namens Li Wei (李偉) schoss ein paar mal um sich, und Patronenhülsen fielen auf Li Xiaoming herab. Li schrie, er solle aufhören, und Li Wei schoss an diesem Tag nicht mehr.

Gegen 9 Uhr am Morgen erreichte die 116. Division den bereits verwüsteten Tian‘anmen-Platz. Panzerspuren hatten die Marmorstufen zerschrammt, die zum Denkmal der Helden des Volkes führen, und der Platz war übersät mit Kleidung und Zelten, welche die Studierenden zurückgelassen hatten. Li Xiaoming durchwühlte die Trümmer und fand ein paar schwarze Leggins und einen Mantel, übersät mit Einschusslöchern und Blut. Er sah keine Leichen, aber ein Kamerad sagte ihm, dass sie „einen ganzen Haufen blutiger Sachen“ während des Aufräumens gefunden hätten.

In einem Fall hätte, sagt Li Xiaoming, ein Kommandeur namens Yu Xuejun (于學軍) seine Einheit aufgefordert, in der Nähe des Sitzes der Nachrichtenagentur Xinhua eine Gruppe von Nachzüglern auseinander zu treiben. Yu ordnete seine Soldaten an, in die Luft zu schießen um die Menge einzuschüchtern, aber Li hörte später, wie ein Soldat damit prahlte, ein ganzes Magazin in die Menge gefeuert zu haben. Da ein Magazin einer AK-47 36 Kugeln enthält, wäre er vermutlich für mehr als ein Dutzend Tote verantwortlich, sagte Li.

Peking, zwei Tage nach dem 4. Juni. Foto: AP Photo, Vincent Yu/達志影像

Acht Kilometer entfernt erwachte Fang Zheng im Jishuitan Krankenhaus. Der Schmerz war heftig, sein rechtes Bein war bis zum Oberschenkel amputiert worden und sein linkes bis zum Knie. Vom Krankenhauspersonal erfuhr er, dass er erst in das Erlong Krankenhaus gebracht worden war, näher am Ort des Geschehens. Doch wegen der Schwere seiner Verletzung konnte er dort nicht behandelt werden.

Er sagte dem Personal, er sei Student am Institut für Sport, woraufhin das Krankenhaus seine Hochschule kontaktierte, welche daraufhin seine Familie informierte. Fangs Familie machte sich sofort aus Hefei in der Provinz Anhui auf den Weg nach Peking.

Mittlerweile war die Situation auf dem Tian‘anmen-Platz ruhig. Lis Einheit war noch zwei Tage Bereich des Platzes stationiert und wurde dann angewiesen, das Kriegsrecht in anderen Teilen der Stadt durchzusetzen.

Die 116. Division wurde nach Osten in Richtung des Beijing International Hotel in die Nähe der Fuxingmen-Überführung geschickt. Wie aus dem nichts hörten sie Schüsse vom Dach des Hotels, und die ganze Division stieg aus ihren Fahrzeugen. Sie knieten sich hin und feuerten auf das Gebäude, wodurch sämtliche Fensterscheiben splitterten. Li sagte, dass die Scherben wie funkelnde Schneeflocken herabfielen. Die Kugeln trafen selbst das Wohngebäude für die ausländischen Diplomat*innen hinter dem Hotel. Am folgenden Tag verließen viele Amtsträger der Botschaften endgültig Peking.

Am achten oder neunten Juni sagten einige besorgte Krankenpfleger*innen Fang Zheng, dass Soldat*innen bald das Krankenhaus durchsuchen würden um „Konter-Revolutionäre“ zu verhaften, die an den Protesten teilgenommen hatten. Fang war noch in sehr schlechtem gesundheitlichem Zustand, und jede Bewegung hätte seinen Zustand verschlimmert. Das Krankenhauspersonal schob sein Bett deshalb in einen Maschinenraum und verschloss die Tür.

Nach einer Weile kamen wieder Krankenpfleger*innen zu Fang zurück und sagten, dass es falscher Alarm gewesen war. Es waren keine Soldat*innen gekommen, sondern Polizist*innen, welche Patient*innen und Personal befragen wollten.

Von diesem Tag an begann Fang Zheng sein nun 30jähriges Unterfangen, seine Erlebnisse vom 4. Juni 1989 weiterzuerzählen.

Fang Zheng hat China vor über 10 Jahren verlassen und Li Xiaoming lebt seit ungefähr 20 Jahren in Australien.

„Der größte Unterschied zwischen China und Australien ist der zwischen dem autoritären und dem demokratischen Regierungssystem. Die Leute in China sagen gerne ‚Demokratie kann man nicht essen‘, was bedeutet, dass einzig die wirtschaftliche Entwicklung die Versorgung der Menschen sicherstellen kann. Aber ohne Demokratie gibt es keine Garantie, dass man immer zu Essen hat,“ sagt Li. „Wenn mein Sohn oder meine Tochter auf die Straße gehen, würden Regierung oder Militär auf keinen Fall auf sie schießen lassen.“

„In den Vereinigten Staaten haben Kinder eine bessere Zukunft“, sagt Fang Zheng, welcher jetzt als Präsident der China Democracy Education Foundationamtiert. Fang hat drei Kinder, seine älteste Tochter ist bereits an der Universität. Er sagt, er hätte seine Tochter nie dazu drängen, politisch aktiv (oder nicht aktiv) zu werden, und, dass sie an den Tian‘anmen-Gedenkveranstaltungen teilnahm, war ihre eigene Entscheidung.

Li Xiaoming ist der Generalsekretär der China Overseas Democracy Coalition in Autralien. Er hat Fotos und Erinnerungsstücke aus dieser Zeit – darunter eine Medaille, die an seinen Mut während des Massakers vom 4. Juni als «Hüter der Volksrepublik» erinnert – in ein Museum in Melbourne gegeben.

„Das Massaker vom 4. Juni ist nicht nur von Bedeutung für chinesische Bürger*innen oder für Leute mit kulturell chinesischen Hintergrund, es ist geteilte Weltgeschichte,“ sagt Li.

Er hat auch drei Bücher über seinen persönlichen Weg geschrieben, eins davon über sein Leben in China, eins über seine Zeit in Australien, und das Dritte widmete er der Zeit des Kriegsrechts in China 1989. Li hofft, dass die Regierung eines Tages Wiedergutmachung für die Opfer des Massakers auf dem Platz des Himmlischen Friedens leisten wird und dass er dann Beweise liefern kann, welche Soldat*innen auf Zivilist*innen geschossen haben und welche Offizier*innen solche Befehle gegeben haben.

Doch seit den Ereignissen vom 4. Juni 1989 sind bereits 30 Jahre vergangen, viele junge Menschen in China haben noch nie von dem Massaker auf dem Tian‘anmen-Platz gehört, und die älteren Menschen vergessen allmählich die Einzelheiten des Ereignisses. Fang Zheng sagt, es sei schwer vorherzusagen, ob es jemals eine Wiedergutmachung für die Morde unter Präsident Xi Jinping (習近平) geben wird.

In einer Zeit totalitärer digitaler Herrschaft können Demokratieaktivist*innen in der Diaspora nur eine schwache Verbindung zur Öffentlichkeit in China herstellen, dafür müssen sie die sogenannte Große Firewall umgehen. Fang sagt, es sei fast unmöglich, die Grundlage der politischen Macht der Kommunistischen Partei (KP) von außen zu erschüttern. Alles, was im Moment getan werden kann, ist, das Feuer am Leben zu halten und auf eine günstige Gelegenheit zu warten.

Aber Fang sagte auch: „Die Feinde der KP kommen jeden Tag her, wir brauchen sie nicht zum Handeln zu ermutigen. Auch schafft die KP sich ständig neue Feinde. Je brutaler die Machtausübung wird, desto mehr Probleme entstehen, und desto mehr Feinde bekommt die KP. Niemand denkt, dass Xi Jinping eine kurze Regierungszeit haben wird. Aber wenn der Tag kommt, dann gibt es vielleicht die Chance auf etwas Neues.“

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